Stellvertretung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: NN   
Samstag, 27. Februar 2016 um 21:43 Uhr

Stellvertretung - Lebensgesetz des Christen

Die Theologie spricht immer wieder vom proexistenten Christus, und sie meint damit einfach die urchristliche Verkündigung des "Für uns": "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen ...., er wurde für uns gekreuzigt" (Credo der Messe).
Dieses "Für uns" lässt sich bereits in der Verheißung des jesaianischen Gottesknechtes erkennen, wo es heißt: "Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen ... Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt ... Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab." (Jes 53, 4-5,10) Es ist stellvertretendes Leiden, das vom Gottesknecht vorausgesagt wurde, und im Herrn Jesus Christus hat sich diese Verheißung erfüllt. Als er seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl seinen Leib und sein Blut reichte, hat er es klar ausgesprochen: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; das ist mein Blut, das für euch und die viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden." "Für euch" sagt der Herr, das heißt: für uns! Tags darauf ist dann am Kreuz die Hingabe seines Leibes und Blutes geschehen; sie ist für uns geschehen.
Seit der Selbsthingabe Jesu für uns ist die Stellvertretung zum Lebensgesetz des Christen geworden. Dieses Gesetz ist heute durch die Erfolgsideologie weithin verschüttet.
Auch in den Paulusbriefen lässt sich dieses Gesetz der Stellvertretung deutlich ablesen. Der Apostel leidet für die Galater Geburtswehen, damit Christus in ihnen Gestalt annehme (Gal 4,19), er weiß, dass er um Jesu willen dem Tod ausgeliefert ist, damit in den Korinthern das Leben Macht gewinne (2 Kor 4,11ff). Vor allem aber schreibt er im Kolosserbrief: "Nun freue ich mich der Leiden, die ich für euch trage und erfülle an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi aussteht, zugunsten seines Leibes, der die Kirche ist (1,24). So können wir am Apostel Paulus sehen, dass die Stellvertretung zur wesentlichen Berufung des Christen gehört.
Im Grunde hat jede Berufung innerhalb des geheimnisvollen Leibes Christi stellvertretende Bedeutung. Wie Israel zugunsten der Heiden berufen wurde, so wird jeder Berufene niemals für sich, sondern immer zugunsten anderer berufen. Heilige haben das in letzter Klarheit erkannt und ausgesprochen.
In ihren "Letzen Worten" sagt die heilige Therese von Lisieux: "Es werden uns oft Gnaden und Erleuchtungen zuteil, die wir einer verborgenen Seele verdanken, weil der liebe Gott will, dass die Getauften sich gegenseitig durch Gebet Gnaden vermitteln, damit sie im Himmel einander mit großer Liebe begegnen könnten - einer Liebe, die stärker ist als Familienbande, selbst wenn es die idealste Familie der Welt wäre."
Therese hatte erkannt, dass Gott den Menschen die Gnade der Mitwirkung am Heil anderer verleiht und dass das Gesetz der Stellvertretung in der Gemeinschaft der Getauften begründet ist. Verwirklicht wird die Stellvertretung in der Liebe. In den Blutkreislauf des geheimnisvollen Leibes Christi, der die Kirche ist, kann jeder von uns sein Beten und Opfern, sein Leben mit seinen Mühsalen und seinem Kreuz, kann jeder vor allem seine Liebe hinein-geben.
Das hat Therese verstanden, die, weil sie nicht Priester, nicht Apostel, nicht Missionar, nicht Märtyrer sein konnte, von sich sagen kann: "Mein Beruf ist die Liebe ... Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein ... So werde ich alles sein." Stellvertretung wird hier nicht als menschliche Leistung verstanden, sondern als Berufung und damit als Gnade.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 27. Februar 2016 um 21:45 Uhr